Russen und trojanische Pferde – ein offener Brief

Sehr geehrte Genossin Labouvie,

Deine Mail vom 5. Mai diesen Jahres (150505-labouvie), die offenbar breit gestreut wurde und so auch mich erreichte,  ist eigentlich „nur“ eine Einladung zur Gesamtmitgliederversammung am 8. Mai – aber einige Textstellen in der Einladung und auch der Mailanhang veranlassen mich, Dir aus Rostock zu schreiben, sogar als offenen Brief (veröffentlicht auf aklmv.wordpress.com). Da gibt es für mein Verständnis zu viel nicht Akzeptierbares. Von einem Mitglied des Landesvorstandes erwarte ich ganz einfach mehr Hintergrundwissen und mehr politische Verantwortung.

Die Russen?

Du schreibst,

… die Menschen in der damaligen SBZ und späteren DDR lernten, dass sie von den Russen befreit wurden“.

Nein, das stimmt so nicht! Die Zeitzeugen erlebten ja unmittelbar, wer sie befreite. Und die später Geborenen haben das hierzulande richtig gelernt: Es war die Rote Armee der Sowjetunion, in der nicht nur Russen dienten, sondern auch Ukrainer, Weißrussen, Usbeken, Kasachen, Georgier, Aserbeidschanen, Litauer, Moldawier, Letten, Kirgisier, Tadschiken, Armenier, Turkmenen und Esten (Aufzählungsreihenfolge entsprechend den Bevölkerungsanteilen). Und die Rote Armee wurde von der Polnische Volksarmee (Ludowe Wojsko Polskie) unterstützt…

Du schreibst weiterhin:

Wer lernte, die Amerikaner hätten “uns” befreit, kann schwerlich verinnerlichen, dass es nun doch die Russen gewesen sein sollen…

Auch hier führe ich die ja noch hier und da lebenden Zeitzeugen ins Feld: Sie erfuhren, dass der Anteil der Amerikaner und Engländer über Jahre hinweg vor allem in der Bombardierung deutscher Wohngebiete bestand, die Betroffenen von ihrem persönlichen Hab und Gut und oft genug auch von Leib und Leben „befreite“, aber die Rüstungsindustrien, die Verkehrsinfrastruktur und andere kriegswichtige Einrichtungen verschonte. Ich denke, wir LINKEN sollten auch das nicht vergessen!

Drei Gedenkveranstaltungen am 8. Mai in Stralsund

In Deiner Mail lese ich weiterhin:

Es gibt drei Gedenkveranstaltungen am 8. Mai in Stralsund …. Ich habe mich interessehalber einmal zum VVN informiert. Die Ergebnisse von Wikipedia (zum Weiterbearbeiten!!!) hänge ich an – auch eine Schrift zum “Trojanischen Pferd” ist angehängt. Manche Informationen stimmen mich nachdenklich“.

Der mir übermittelte Text scheint an dieser Stelle unvollständig zu sein. Offenbar stört Dich, dass in Stralsund auch andere und darunter die VVN-BdA Gedenkveranstaltungen durchführten. Warum eigentlich? Wir hatten in Rostock ebenfalls mehrere Veranstaltungen am 8. und 9. Mai, auf denen jeweils mehrere Organisationen beteiligt waren. Das hat die Teilnehmer nicht erkennbar gestört, eher im Gegenteil.

Du hast Dich offenbar darüber geärgert, dass auch die VVN-BdA eine Gedenkveranstaltung durchführte, und Dich deshalb „interessehalber einmal zum VVN informiert“. Da sage ich zunächst einmal ganz respektlos, das wurde aber auch Zeit! Ein Mitglied es Landesvorstandes, das diese politische Organisation bislang nicht kannte, geschweige denn mit ihr zusammen arbeitet?

Die VVN-BdA und Heinrich Fink

Du hast Dich zwar „zum VVN informiert“, aber dabei sogar übersehen, dass es sich um die Vereinigung der Verfolgen des Naziregimes (VVN) handelt und nicht um „den VVN“. Die Quellen sind auch nicht gerade die besten. Wikipedia ist ja nicht schlecht, aber wie wäre es mit den Originalpublikationen der VVN-BdA, z.B. mit der Webseite http://www.vvn-bda.de/ , http://www.dasjahr1933.de/, http://dasjahr1945.de/, http://neofa-ausstellung.vvn-bda.de/, http://www.npd-verbot-jetzt.de/ und nicht zuletzt das VVN-BdA-Magazin „Antifa“?

Statt dessen entscheidest Du Dich für einen Artikel, der in der Zeitschrift „Freiheit und Recht“ erschien. Die Zeitschrift wird vom „Bund Widerstand und Verfolgung Bayern e.V.“ herausgegeben. Dieser Verein will zwar „Verfolgte oder Widerstandskämpfer einer oder beider Diktaturen in Deutschland von 1933 – 1989 … sammeln“, wurde aber erst 2004 gegründet. Bei näherer Betrachtung erweist er sich als trojanisches Pferd zum Thema „Widerstand und Verfolgung“ und zugleich als stramm antikommunistisch.

Für diesen Verein schrieb ein Herr Dr. Rudolf van Hüllen, Politikwissenschaftler und vorwiegend in der Präventionsarbeit gegen Rechts- und Linksextremismus tätig, über die VVN-BdA als „trojanisches Pferd“ und Du verbreitest diesen schon 2009 erschienenen Artikel (Die VVN-BdA – ein trojanisches Pferd für das Engagement gegen Rechtextremismus – R. van Hüllen) an die Genossen.

Hüllens Vita spricht Bände: Er arbeitete „in der politischen Bildung, unter anderem für die Konrad-Adenauer-Stiftung und das Bildungswerk Verantwortung in Staat und Gesellschaft. Von 1987 bis 2006 war van Hüllen als Referent und Referatsleiter in den Abteilungen Linksextremismus und Linksterrorismus beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in Köln tätig. Sein Schwerpunkt lag auf der Auswertung orthodox-kommunistischer, maoistischer und trotzkistischer Bestrebungen. An der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Brühl dozierte er in der Abteilung Verfassungsschutz“ (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_van_H%C3%BCllen).

Auch das beschreibt die Qualitäten des Herrn Dr. van Hüllen:

„2011 publizierte er ein Buch (Linksextrem – Deutschlands unterschätzte Gefahr?) über Linksextremismus mit dem Politologen Harald Bergsdorf.

Nachdem die in der Publikation thematisierte MLPD mit einer Unterlassungsklage vor Gericht gegangen war, kam es zu einem für den Verfassungsschutz „peinlichen Prozess“. Vor Gericht musste van Hüllen die Belege für seine Vorwürfe offenlegen. Er erklärte, die Darstellung der Partei beruhe „zu etwa 50 Prozent auf Verfassungsschutzberichten“. Das Gericht bekundete dazu, es halte von der Beweiskraft dieser Informationen „eher nichts“. Es qualifizierte die meisten der in Rede stehenden Aussagen nicht als Tatsachenfeststellungen, sondern als Meinungsäußerungen, die zulässig seien… Der Schöningh-Verlag wollte das Buch nicht mehr weiter vertreiben, eine Überarbeitung lohne sich nicht… Von 2011 bis Ende März 2013 wurden 1500 Exemplare in den Verkauf gebracht.” (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_van_H%C3%Bcllen).

Diesen Menschen und seinen Text aus 2009 empfiehlst Du also unbedarften GenossInnen zum Nachdenken und Diskutieren?

Es lohnt nicht, sich mit den fünf Seiten wilden antikommunisten und denunziatorischen Auslassungen in Detail auseinanderzusetzen. Allein zwei Aspekte zeigen die Wert- und Charakterlosigkeit des Pamphlets:

  1. Prof. Heinrich Fink wurde „alsbald als IM „Heiner“ der HA XX des MfS enttarnt.“ Gegen diesen Vorwurf, den ihm sein Amtsbruder Gauck eingebrockt hat, ist Prof. Fink mit allen ihm verfügbaren juristischen Mitteln vorgegangen. Aber was konnte das bringen angesichts des Kinkel-Verdikts zur konsequenten Deligitimierung der DDR? Zu den abstrusen IM-Vorwürfe gehört in seinem Fall u.a., dass er als evangelischer Theologe auch „Informationen aus Beichtgeheimnissen und vertraulichen seelsorgerlichen Gesprächen zur Verfügung gestellt habe“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Fink; Hervorhebung der “Beichtgeheimnisse” von mir, Hg.).Prof. Heinrich Fink ist einer der honorigsten, ehrlichsten, aufrechtesten, schätzenswertesten Menschen, die ich in meinem nun schon recht langen Leben kennengelernt habe. Wer ihn versucht herabzuwürdigen, ist in meinen Augen eine ernsthafte Auseinandersetzung nicht wert.
  2. Dr. van Hüllen gehört zu denjenigen, die jede sachliche Kritik an der Politik des Staates Isreal mit Antisemitismus gleichsetzen. Muss man bei solchen Ansätzen noch Zeit verschwenden?

Mein Fazit

Es bleibt für mich unverständlich, wie man einen so eindeutig dem politischen Gegner zuzuordnenden Text als Ausgangspunkt für Nachdenklichkeit und Diskussion über die VVN-BdA nehmen kann. Es ist schwer, in diesem Zusammenhang nicht auf den Terminus „trojanisches Pferd“ zurückzukommen. Auch wenn der – hoffentlich – nicht zutrifft, eines zeigt Dein Hüllen-Bezug sehr klar: Es fällt dem politischen Gegener, es fällt den Herrschenden immer wieder erstaunlich leicht, uns Linksengagierte auseinander zu dividieren. Warum das so ist und wie wir das zukünftig weitgehend vermeiden können, DARÜBER sollten wir nachdenken und diskutieren!

Ein dringend notwendiger Nachtrag

Die dem vorstehenden offenen Brief zugrunde liegende Email der Genossin Christa Labouvie wurde mir von einem sehr vertrauenswürdigen Genossen zugeschickt, zusammen mit der Bemerkung, die Mail sei offenbar weit gestreut worden. Beides, die Vertrauenswürdigkeit des Absenders und die Bemerkung zur breiten Streuung, waren für mich Anlass, mit einem offenen Brief zu reagieren.

Dank der Klarstellung durch Genossin Christa Labouvie stellt sich die Sachlage etwas anders und ziemlich ungut dar: Christa hat die Mail nur an wenige GenossInnen geschickt, denen sie vertraute und von denen sie annehmen durfte, dass sie den Kontext kannten, aus dem heraus die Mail geschickt wurde.

Einer der Empfänger besaß jedoch die Unverschämtheit, Christa’s Mail ungefragt weiterzureichen. Ein(e) Empfänger(in) der ungefragt weitergereichten Mail kürzte dann die Mail um diejenigen Teile, die den Anlass der Mail hätten verdeutlichen können – und schickte die so gekürzte Mail an alle Emailadressen, die ihr/ihm zur Verfügung standen (die sie dann wiederum weiter verteilten). Alle drei Handlungsschritte sind in meinen Augen unredlich, intrigant und eines Mitgliedes unserer Partei zutiefst unwürdig – einer Partei, die zu Recht stets und ständig das solidarische Miteinander betont und es sogar in ihre Grußformel aufgenommen hat.

Auf eine solche Schweinerei muss man erst einmal kommen. Ich war zu naiv, um selbiges zu vermuten und entschuldige mich daher in aller Form und aus tiefstem Herzen bei Christa für den offenen Brief. Ich halten diesen Textnachtrag und meine Entschuldigung für besser als den Artikel zu löschen, denn „das Internet vergisst nichts“. Zugleich kann dieser Nachtrag für andere eine Empfehlung sein, in Zukunft vorsichtiger zu (re)agieren und im Zweifelsfall erst einmal beim Autor einer Mail nachzufragen…

Der schlimme Umgang mit Christa’s Email ändert nichts an meinen inhaltlichen Einwänden zu den „Russen“, zur fehlenden Kenntniss über die VVN und zur unkritischen Übernahme von Verfassungsschutz-Sichtweisen. Aber ich hätte dies alles in einem persönlichen Brief schreiben sollen!

Müssen wir jetzt Absicherungsklauseln wie die nachstehende im Mailverkehr unter Genossen verwenden oder wäre es nicht besser, den intriganten, schäbigen MitmenschInnen jedesmal gehörig die Meinung zu geigen? Wer sich (zusätzlich) formal gegen Verletzungen des Postgeheimnisses, unter das bekanntlich auch Emails fallen, sichern will, der könnte beispielsweise folgenden Textbaustein verwenden (gefunden beim Volkstheater Rostock):

Dieses Dokument ist ausschließlich für den Adressaten bestimmt. Es kann rechtlich geschützte oder vertrauliche Informationen enthalten, die Sie als unrechtmäßiger Empfänger nicht verwenden dürfen. Sollten Sie diese E-Mail irrtümlich erhalten haben, informieren Sie deshalb bitte den Absender und löschen Sie diese Nachricht und alle Anhänge von Ihrem Computer. Vielen Dank.

Ein Nachsatz von Uli Gellermann

„Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

auf meinen Bildschirm landete jüngst eine Mail von Frau Labouvie. Sie hatte sich über die VVN aus WIKIPEDIA informieren müssen, schreibt sie. Und die einzige Text-Stelle, die sie nachdenklich macht ist jene zum “Trojanischen Pferd”. Dort wird auf die Meinung der FDP-Stiftung verwiesen, die der VVN die Qualität eines trojanischen Pferdes attestiert. Das wird die Gründer der VVN freuen: Wahrscheinlich sind sie nur als solche Pferde in die Konzentrationslager gegangen. Und wenn sie dann lebend rausgekommen waren, konnten sie staunend beobachten, dass die FDP jede Menge Ex-Nazis als Mitglieder aufnahm und deshalb 1949 logisch einen „Schlussstrich“ unter die Entnazifizierung forderte. Das macht die FDP bis heute zur Expertin in Fragen des Antifaschismus. Ob man jetzt Frau Labouvie als trojanisches Pferd der FDP bezeichnen kann ist ungewiss. Gewiss ist, dass sie von dieser Partei Ratschläge annimmt, die sie „nachdenklich“ stimmen.

Mit nachdenklichen Grüßen

Uli Gellermann

www.rationalgalerie.de

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Ein Gedanke zu „Russen und trojanische Pferde – ein offener Brief

  1. Heute las ich in der OZ:
    “ Der andauernde Fitnesswahn im Netz und auf den Straßen scheint immer mehr Anti-Trends hervorzubringen: Neben dem Hype um den Dad Bod/Dadbod (Papakörper), der die Lust am männlichen Bauchspeck zelebriert, werden jetzt angeblich viele „sapiosexuell“.

    „Tatsächlich bekennen sich in den sozialen Netzwerken immer mehr Frauen und Männer zu ihrer „Sapiosexualität“. Heißt: Nichts zieht sie so an wie Intelligenz“, schrieb kürzlich die österreichische Zeitung „Kurier“. Und: „Statt eines körperlichen Vorspiels führen „Sapios“ vor dem Sex tiefgründige Diskussionen.“

    Die „Bild“ zählte „Sapiosexualität (aus lat. sapere = wissen + Sexualität)“ bereits im vergangenen Jahr zu den Wörtern von morgen, die man bereits heute kennen sollte. „Heißt: Eine neue Wortschöpfung für die Attraktion von Intelligenz. Dabei findet man seinen Gegenüber so schlau, dass er plötzlich auch in einem sexy Licht erscheint.“ “
    Ach, wenn das doch wahr wäre!

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